New York am Siedepunkt: der UN-Gipfel als Dampfkessel

Heute beginnt in New York die High-Level-Woche der 81. Generalversammlung der Vereinten Nationen. Auf dem Papier ist es die jährliche diplomatische Hochmesse: Reden, Händeschütteln, bilaterale Gespräche. Hinter den Kulissen ist daraus dieses Jahr etwas ganz anderes geworden.
Am East River treffen die Interessen von Weltmächten, internationalen Gerichten und strategischen Verbündeten in einem beispiellos aufgeladenen Moment aufeinander. Die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten, Japan und dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag erreichen einen Siedepunkt. Damit steht auch der Fortbestand der multilateralen Rechtsordnung auf dem Prüfstand.
Takaichi und Trump: ein Gespräch mit tickender Uhr
Am Rande des Gipfels sprechen US-Präsident Donald Trump und die japanische Premierministerin Sanae Takaichi miteinander. Für Tokio ist das Timing entscheidend. Zwei Tage später empfängt Trump in Washington den chinesischen Präsidenten Xi Jinping zu einem offiziellen Staatsbesuch.
In Tokio ist die Sorge groß, dass Washington bei diesen Gesprächen Zugeständnisse macht, die Japan direkt betreffen. Man denke an den prekären Status Taiwans oder die verschärften Exportbeschränkungen, die China für seltene Erden verhängt hat. Um zu verhindern, dass über ihren Kopf hinweg Absprachen getroffen werden, reiste Takaichi persönlich nach New York. Ihr Ziel: sich die amerikanische Unterstützung für die Abschreckung im Indopazifik persönlich bestätigen zu lassen.
Das eigentlich brisante Dossier: die USA gegen den Gerichtshof
Das heikelste Thema dieses Gipfels ist der eskalierende Streit zwischen den Vereinigten Staaten und dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH). Er erreichte einen Tiefpunkt, als die US-Regierung ihre Sanktionsinstrumente im Rahmen der Executive Order 14203 voll einsetzte.
Diese von Trump am 6. Februar 2025 unterzeichnete Verordnung verhängt finanzielle Strafmaßnahmen und Einreiseverbote gegen jeden, der an Ermittlungen gegen amerikanische Bürger oder deren Verbündete beteiligt ist. Zunächst richtete sie sich gegen einzelne Ankläger. Im Sommer 2026 kündigte Außenminister Marco Rubio eine koordinierte Strategie an, um den Gerichtshof vollständig zu neutralisieren und zu zerschlagen.
Eine amtierende IStGH-Präsidentin auf der Sanktionsliste
Der weitreichendste Schritt folgte am 18. August 2026. Das US-Außenministerium setzte die amtierende Präsidentin des Strafgerichtshofs, die japanische Juristin Tomoko Akane, auf die Sanktionsliste des Finanzministeriums. Zusammen mit dem leitenden Prozessanwalt Abdoulaye Seye landete sie auf der sogenannten Specially-Designated-Nationals-Liste.
Damit hat Washington inzwischen neun der achtzehn Richter des Gerichtshofs sanktioniert, dazu beide stellvertretenden Chefanklägerinnen und -ankläger, den ehemaligen Chefankläger Karim Khan sowie die UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese. Noch nie zuvor wurde die amtierende Spitze eines internationalen Tribunals derart hart getroffen.
Was eine Sanktion in der Praxis bedeutet
Die Folgen reichen weit über die amerikanischen Grenzen hinaus und sind ganz konkret. Wer auf der Liste steht, sieht sämtliche persönlichen und geschäftlichen Vermögenswerte unter amerikanischer Rechtshoheit eingefroren. Für amerikanische Bürger, Banken und Unternehmen wird es strafbar, dieser Person noch Dienstleistungen zu erbringen.
Akane erklärte aus Den Haag, dass ihre Kreditkarten gesperrt wurden und sie praktisch vollständig vom internationalen Bankensystem abgeschnitten ist. Finanzinstitute weltweit verweigern ihre Transaktionen aus Angst vor amerikanischen Sekundärsanktionen. Insidern zufolge bereiten die USA sogar Sanktionen gegen den Gerichtshof als Ganzes vor. Das würde die Gehaltszahlungen an Hunderte Mitarbeiter und die Durchführung von Feldermittlungen faktisch unmöglich machen.
Japan im unmöglichen Spagat
Für Japan ist das schmerzhaft. Seit seinem Beitritt 2007 ist Japan der größte finanzielle Träger des Gerichtshofs und trägt rund 15 Prozent des regulären Haushalts. In Tokio gilt Akane als Symbol der japanischen Rechtsführerschaft auf der Weltbühne.
Takaichi bezeichnete die Sanktionen gegen Akane als unvereinbar mit japanischen Werten und entsandte einen diplomatischen Gesandten nach Den Haag. Eine offene Konfrontation mit Trump vermeidet sie bislang jedoch. Das Verteidigungsbündnis mit den USA ist für Tokio zu wichtig, um es aufs Spiel zu setzen, zumal China in der Region zunehmend selbstbewusster auftritt.
Auch die UN selbst spürt es
Die Reibung wirkt inzwischen auch innerhalb der Vereinten Nationen selbst. Weil die USA gesanktionierten IStGH-Funktionären keine Visa erteilen, konnte eine stellvertretende Chefanklägerin den UN-Sicherheitsrat Anfang des Jahres nicht persönlich ansprechen.
Das führte zu einer heftigen Debatte über die 25. Versammlung der Vertragsstaaten des Römischen Statuts. Viele Mitgliedstaaten und zivilgesellschaftliche Organisationen wollen diese Konferenz von New York nach Den Haag verlegen. Eine vollwertige und sichere Teilnahme in New York ist durch die amerikanischen Einreisebeschränkungen schlicht unmöglich geworden.
Ein Wendepunkt
Der heutige UN-Gipfel markiert einen Wendepunkt in den internationalen Beziehungen. Nationale Sicherheitsinteressen, bilaterale Machtverhältnisse und der Erhalt einer regelbasierten internationalen Ordnung prallen in New York mit voller Wucht aufeinander.
Die Entscheidungen, die Staats- und Regierungschefs hier treffen, bestimmen, ob internationale Rechtsinstitutionen ihre Unabhängigkeit bewahren können. Oder ob die multilaterale Ordnung endgültig der geopolitischen Machtpolitik erliegt.
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